Lagom

Europa und die Welt sollten mehr lagom werden. Die Schweden haben mit dieser Philosophie in vielen Bereichen ein vorbildliches System geschaffen und werden nicht ohne Grund weltweit dafür beneidet. Dabei ist lagom ganz einfach und die ganze Welt könnte von dieser Lebenshaltung profitieren.

Genauso wie das dänische Hygge ist auch das schwedische Lagom mittlerweile in aller Munde. Während hyggelig für malerische Landschaften oder gemütliche Situationen verwendet wird, steht lagom für einen Zustand, den man zum Beispiel als “gerade richtig”, harmonisch oder passend übersetzen kann.

Für beide skandinavischen Begriffe gibt es aber viele Umschreibungen im Deutschen. Lagom kann auch bequem, umgänglich, sympathisch, angenehm oder “nicht zuviel und nicht zuwenig” bedeuten.

Auch die schwedische Flagge ist LAGOM (c)

Sprachlich stammt es wohl vom schwedischen Wort für Gesetze ab: Lag. Auf Schwedisch bedeutet “Lag” allerdings auch Team. Was es ganz gut beschreibt, ein Team braucht doch auch Regeln und Fairness, um allen einen größtmöglichen Nutzen zu bringen.

Andere führen lagom allerdings auf die Wikingerzeit und die Worte “laget om” zurück, was in etwa bedeutet “für die Gruppe oder Mannschaft” und auf ein Trinkhorn mit Honigwein (Met) anspielt, dass traditionell zwischen den Wikingern herumgereicht wurde.

Für mich ist L A G O M eigentlich genau das, was der Welt heute oft fehlt. Der Mittelweg, der Kompromiss und das Aufeinander zugehen, eine Balance und das Gleichgewicht zwischen den Elementen. Die gemeinsame Schnittmenge mit Achtsamkeit finden und den anderen mit seiner Meinung empathisch wertschätzen. Die Mitte zu wählen für Wohlstand für alle statt Überfluss für wenige und Armut für viele.

 

Fika, Köttbullar oder Sozialstaat – am besten Lagom

Auch die schwedische Flagge ist für mich lagom. Sie macht gute Laune und leuchtet an sonnenreichen Sommertagen dezent vor blauem Himmel – nicht nur am 6. Juni, dem Nationalfeiertag Schwedens. Genauso wie die schwedische Nationalhymne Du gamla, Du fria („Du alter, du freier“). Sie ist nicht aufdringlich, nicht überschwänglich oder gar aufputschend. Einfach nur idyllisch und schön – Schweden und die anderen skandinavischen Staaten sind halt Sehnsuchtsziele.

Lagom bedeutet auch eine gesunde Mischung aus Arbeit und Erholung (c)

Lagom kann beim Kochen genau die richtige Menge Salz oder Zucker sein. Oder die passende Menge Milch im Kaffee bei der schwedischen Kaffeepause (Fika). Und bei Michel aus Lönneberga (Emil i Lönnberga) von Astrid Lindgren sind die Köttbullar auch lagom, genauso wie die Geschichten von Bullerbü & Co. selbst.

Warum lagom heutzutage nicht nur in Schweden kultig ist, liegt für mich auf der Hand. In Zeiten der Polarisierung, Fake News und Extrempositionen ist lagom der Goldene Mittelweg. Und wo sollte ein solches Wort anders herkommen, als aus Schweden. Schweden – das Land des Kompromisses. Der Schwedische Weg einst als politischer Weg zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

Die Schwedinnen und Schweden pflegen dabei einen bescheidenen Lebensstil. So ist ein Volvo natürlich lagom, denn er ist ein nützliches und praktisches Auto, aber kein angeberischer Sportwagen.Bei Produktentscheidungen kauf man natürlich den Testsieger – möglichst unter Beachtung ökologisch-nachhaltiger Aspekte.

Lagom bedeutet auch, dass man sich an Regeln und Gesetze hält. Trotzdem darf natürlich die Freiheit des Einzelnen soweit wie möglich gehen und erst dort zu Ende sein, wo sie der Gemeinschaft und anderen schadet. Kein Polizeistaat, aber auch kein Sodom. Auch zuhause hält man sich an Regeln und hält Ordnung – nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung. Man entrümpelt sein Haus und befreit sich von unnützem Krempel. Und am besten kauf man ihn erst gar nicht. Bescheidenheit und Nachhaltigkeit, gegen Konsumterror. Man nutzt den Sozialstaat nicht unnötig aus, zahlt natürlich seine Steuern, denn diese sind für das Gemeinwesen notwendig. Dieses wiederum sollte sparsam mit den öffentlichen Geldern umgehen. So wäre eine ideale Lagomsituation gegeben.

 

Natur genießen mit dem Jedermannsrecht

Lagom bedeutet selbstverständlich auch Naturschutz. Die Umwelt mit Fauna und Flora sauber halten und sich mit Ressourcenverantwortung und möglichst geringem ökologischen Fußabdruck durch das Leben bewegen. Das nordische Jedermannsrecht (Allemansrätt ) kann nur so funktionieren. Jeder hat grundsätzlich freien Zugang zur Natur – aber das geht nur mit Respekt und dem Willen die Natur zu pflegen und zu schonen. Keinen Müll zu hinterlassen. Das gilt natürlich auch für die Stadt oder das Dorf – auch menschliche Siedlungen sollten nicht durch Müll und Vandalismus geprägt sein.

Jedermannsrecht im Wald setzt auch einen respektvollen Umgang mit der Natur voraus (c)

Den Klimawandel wird man nur eindämmen können, wenn man sensibilisiert und Konsum herunterschraubt. Manche Freiheits- und Konsumfanatiker wollen das zwar nicht einsehen, aber unbegrenzter, maßloser Individualkonsum kann nicht gut für die Welt sein. Die “IchKriegeNieGenug-Mentalität” hilft niemandem und macht auch nicht die davon Infizierten glücklicher – im Gegenteil. Irgendwann hat man soviel Geld, dass man nicht mehr weiß, was man damit machen soll. Und spätestens dann ist der Break-Even-Point des Glücks erreicht.

Lagom ist eigentlich gesunder Menschenverstand. Es kultiviert das maßvolle Verhalten. Freilich ohne Zwang nun ab sofort strikt vegan leben zu müssen. Aber zumindest Fleischkonsum soweit es geht zu beschränken. So dass keine Massentierhaltung notwendig ist und biologisch-ökologische Tier- und Landwirtschaft sich endlich durchsetzt.

Wer möchte nicht glücklich sein? Auch Glück ist lagom, denn ist es nicht schön, wenn man mit gutem Gewissen gut leben kann? Nicht im Übermaß und verschwenderisch. Die Welt sollte diese gute schwedische Eigenart übernehmen, sie wäre dann besser!

Kein Hunger, keine Armut, kein Luxus und keine Milliardäre, die ihr Geld nicht mehr ausgeben können. Keine immer weiter werdende Schere zwischen Arm und Reich, sondern eine breite Mittelschicht wäre lagom. Auf Plastik verzichten und statt dessen Jutetaschen nutzen. Keine Gewinnmaximierung, sondern vernünftige Arbeitsbedingungen. Eine gute Work-Life-Balance ist wichtiger, als ein dickes Bankkonto. Vormittags und Nachmittags machen die Schweden ihre Fika, eine ca. 15 min. Kaffeepause. Der Konsum von Kaffee ist hoch im internationalen Vergleich. Gerne auch mit einer leckeren, selbst gebackenen Zimtschnecke (Kanelbullar). Man arbeitet nicht zuviel, aber nimmt die Arbeit sehr ernst. Die Arbeitsethik im protestantischen Schweden ist geprägt von wenig Hierarchie, viel Kreativität und Einsatz. Aber man versucht auch pünktlich die Arbeit zu beenden. Insbesondere freitags, wenn die Zeit reif ist für Fredagsmys. Die Freitagsgemütlichkeit beinhaltet treffen mit Familie, Freunden oder Abhängen auf der Couch bei Chips und Tacos. Ganz ohne Zwang einfach das zu tun, worauf man Lust hat.

 

Arbeitspausen, Teilzeit und Gleichstellung

Die Gewerkschaften haben eine starke Position in Sverige. Und im schwedischen Sommer mit seinen lang-hellen Mittsommernächten tut sich im Königreich nicht viel. Azubi und Firmenchef machen Urlaub. Zeit mit der Familie und Freunden ist wichtiger, als Erfolg im Job. Nur mit großzügigen Pausen, Urlaub und Zeit auch einmal gemütlich die Seele baumeln zu lassen schafft man Raum für Kreativität. Im übrigen ist auch Teilzeit in Schweden weit verbreitet, bemerkenswerterweise auch beim Anteil der Männer. Nichts macht Ideen und Menschen mehr kaputt als Druck und Stress.

Auch die Gleichberechtigung und die Gleichstellung ist wichtig. Aber eben für beide Geschlechter. In Schweden ist die Gleichberechtigung weit fortgeschritten. Der Anteil berufstätiger Frauen ist hoch, ebenso der Anteil in der Politik. Die Hälfte der Minister ist weiblich und im Parlament sitzen fast soviele Frauen wie Männer. Auch in den Führungspositionen der Wirtschaft sind Frauen stark vertreten. Bereits 1974 ersetzte Schweden den Mutterschaftsurlaub durch den Elternurlaub, was zur Folge hat, dass viele Väter hier Vaterschaftsurlaub nehmen. Steuerlich wird unterstützt, wenn beide Eltern den Elternurlaub zu gleichen Teilen nehmen. Auch gibt es kein Ehegattensplitting, wie in Deutschland. Eltern erhalten nicht nur bezahlten Elternurlaub, sondern auch bezahlte arbeitsfreie Tage zur Betreuung eines kranken Kindes. Aber die Konsequenz der Gleichstellung geht in Schweden noch weiter. Das merkt man auch im Alltag, nicht nur bei den vielen Unisex-Toiletten. Und als Schweden 2017 die Wehrpflicht wieder einführte, nachdem sie 2010 abgeschafft wurde, gilt sie nun aus Gründen der Gleichstellung für Männer und Frauen.

Lagom kann natürlich noch vieles sein. Auch nicht immer weiter zu reden und mehr seinem Gegenüber zuzuhören. Nicht übertreiben, unsachlich beschimpfen, angeben oder jemanden mit Komplimenten überhäufen. Siege feiern, aber dem Gegenüber das Gesicht wahren lassen. Nicht verklemmt sein, aber auch nicht aufdringlich. In finanziellen Angelegenheiten sollte man nach Lagom-Art natürlich gerecht und korrekt sein.

Nicht auf Quantität, sondern auf Qualität setzen. Zu lagom gehört auch eine höfliche aber deutliche Ehrlichkeit. Keine Übertreibungen oder Exzesse. Nicht zu viel zu lästern, sondern eher eine positive Stimmung zu verbreiten. Sich nicht festzubeißen und loszulassen – bei Menschen wie bei Themen. Sparsam aber nicht geizig sein. Sportlich zu sein und auch einmal Zeit für sich selbst zu nehmen. Freundschaften zu pflegen, ohne es allen Recht machen zu wollen. Gemeinsam zu lachen, aber ernste Dinge auch ernsthaft behandeln. Toleranz, aber nicht als Einbahnstrasse. Integration statt Diskriminierung – all das ist lagom.

 

Ökologie, Flygskam und Friluftsliv

Ökologisch und bedacht zu handeln, nachhaltige Produkte zu verwenden und keine Verschwendung zu betreiben. Ein gesunder und verantwortungsvoller Lebenswandel, ohne allzuviel Strenge, aber mit Konsequenz. Flugreisen einzusparen, denn das Gute liegt oft so nah. Naturnahes Camping oder Bauernhofurlaub, statt Asienreise. Flugscham (flygskam) muss aber trotzdem nicht sein und ist eigentlich schon nicht mehr lagom, außer man übertreibt es mit den sinnfreien Vergnügungsflügen tatsächlich. Aber die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hat es vorgemacht – man kann wenn man will auch nach New York segeln, aber man muss es natürlich nicht. Nur im Missverständnissen vorzubeugen – lagom setzt auf freiwillige Mäßigung. Erst wenn das nicht hilft, kommen Gesetze. Das ist das Schöne daran. So findet man mit der Einstellung ganz von alleine sein inneres und äußeres Gleichgewicht, ein bisschen so wie bei Yin und Yang.

Wikingerschach aus Schweden [schwed. Kubb] (c)
Eine gute Mischung aus Privatsphäre und sozialem Engagement. Sich mit den Nachbarn gut zu verstehen und sich gegenseitig zu helfen – ohne den anderen auszunutzen oder zu stören. Sich in Vereinen oder in Gruppen für das Gemeinwohl zu engagieren.

Bei Sonnenschein mit einer netten Gruppe ein Picknick zu machen und dabei liebevoll neue Ideen zu entwickeln, gemeinsam zu kochen, die Adventszeit (auch mit Glögg) zu genießen oder Weihnachten zu feiern. Nicht nur im Supermarkt zu kaufen, sondern im Garten oder auf dem Balkon Tomaten oder Kräuter anzubauen, Marmeladen herzustellen oder eigenes Obst zu ernten – ganz im Sinne von Slow Food. IKEA ist nicht ohne Grund eines der bekanntesten Möbelunternehmen der Welt, denn es präsentiert tolle Ideen mit funktional-schlichtes und modernes Design. Damit kann man auch an IKEA etwas lagom erkennen.

Der Lagom-Kleidungsstil ist praktisch,qualitativ, sportlich und bequem. Man trägt keine Billig- und Wegwerf-Kleidung, aber auch nicht zu ausgefallene Sachen. Und natürlich so, dass man auch Outdoor aktiv sein kann – denn die Natur ist es wert erkundet und genossen zu werden. Sportliche Aktivitäten aber auch Faulenzen im Freien sind in Skandinavien beliebt (Friluftsliv). Weg vom Schreibtisch und auf zum Beeren sammeln, Angeln oder Trekking – im Winter natürlich auch zum Wintersport. Oder einfach eine Runde Wikingerschach (Kubb) spielen.